In unserem Beitrag zur DATEV-Gerüchteküche haben wir für den Kanzleialltag Entwarnung gegeben: kein Aktionismus, kein internes Umstellungsprojekt auf Verdacht. Das gilt weiterhin. Es gilt aber nicht für alles. Denn für eine Gruppe von Kanzleien stellt die Cloud-Transformation eine Frage, die viele noch gar nicht als Frage erkannt haben. Deshalb dieser zweite Beitrag.
Das Wichtigste vorab in Kürze
- Die Leistungserstellung bleibt DATEV. Rechnungswesen, Steuern, Lohn und Jahresabschluss stehen nicht zur Debatte.
- Die offene Frage betrifft die Eigenorganisation, also das System, mit dem ihr eure Kanzlei als Unternehmen führt.
- Die Migration kommt so oder so. Die Umstellungskosten fallen ohnehin an, deshalb ist der relative Mehraufwand für eine Alternativenprüfung nie geringer als jetzt.
- Wer jetzt nicht prüft, schreibt die nächste Systemdekade ungeprüft fest.
- Der Markt bewegt sich: Pennylane, Visma, Cegid und Haufe haben den deutschen Markt als offen markiert.
- Unsere Empfehlung ist keine gegen DATEV, sondern eine gegen das Warten. Das Stichwort heißt Entkopplung.
Zwei Welten, eine Verwechslung
Wenn über die DATEV-Cloud-Transformation gesprochen wird, geraten zwei sehr unterschiedliche Welten in einen Topf.
Die erste Welt ist die Leistungserstellung: Rechnungswesen, Steuern, Lohn, Jahresabschluss. Diese Welt bleibt DATEV, daran gibt es aus unserer Sicht wenig zu rütteln, und die Schnittstellen dorthin sind gegeben und werden mit der Cloud eher besser.
Die zweite Welt ist die Eigenorganisation: Auftragsverwaltung, Leistungserfassung, Honorarabrechnung, Kanzleisteuerung, Controlling. Das ist das System, mit dem ihr eure Kanzlei als Unternehmen führt. Und genau für diese zweite Welt stellt die Cloud-Transformation eine Frage, die viele Kanzleien noch gar nicht als Frage erkannt haben.
Für wen dieser Beitrag gedacht ist
Für Großkanzleien. Wir nennen bewusst keine Schwelle und keine Kriterienliste, weil die in der Praxis nichts taugt. Wer heute schon vor der Frage steht, ob DATEV EO comfort als ERP- und CM-System noch ausreicht oder ob es eine Alternative braucht, ist gemeint. Wer sich davon angesprochen fühlt, liest weiter.
Das Migrationsfenster
Eines steht fest: die Migration kommt so oder so. Die heutige Eigenorganisation, ob EO classic oder EO comfort, wird es in ihrer jetzigen Form nicht dauerhaft geben. Wer migrieren muss, zahlt die Umstellungskosten einmal, unabhängig davon, wohin die Reise geht.
Daraus folgt eine einfache, aber weitreichende Logik: der relative Mehraufwand, Alternativen zu prüfen, ist nie geringer als in genau diesem Fenster. Nicht weil Kanzleien größer werden, sondern weil die Umstellungskosten ohnehin anfallen. Wer jetzt nicht prüft, schreibt die nächste Systemdekade ungeprüft fest.
Die Faktenlage, Stand Mitte 2026
Zur ehrlichen Einordnung gehört der Blick auf das, was wir wissen und was wir nicht wissen. Der erste Rollout der neuen Cloud-Welt zielt auf Neugründer und Kleinstkanzleien. Der Lohnbereich folgt nach unserem Kenntnisstand erst ab 2028, LODAS läuft rund drei Jahre länger. Kanzleien mit umfangreicher EO-Nutzung stehen nach heutigem Stand ganz am Ende der Migrationsreihenfolge, ohne dass definiert wäre, was umfangreich bedeutet und wann das Ende ist. Offiziell bestätigt ist davon wenig, das meiste beruht auf unserer Projekterfahrung und auf dem, was uns aus dem Markt zugetragen wird.
Aus dem Partnernetzwerk wird berichtet, dass selbst zertifizierte Migrationspartner bislang mit Präsentationen statt mit einem Produkt zum Anfassen arbeiten. Parallel dazu werden Umstellungen auf EO comfort spürbar gebremst. Kanzleien warten teils seit Jahren und verlieren in dieser Zeit Steuerungsfähigkeit und Umsatz gegenüber dem, was mit EO comfort möglich wäre.
Unsere Zusammenfassung fällt deshalb nüchtern aus: auf Basis der Informationen, die vorliegen, oder besser gesagt der Nichtinformationen, ist derzeit nicht seriös planbar, ob der kommunizierte Zeithorizont hält.
Ihr wartet auf einen Termin, der nicht kommt und verliert in der Zwischenzeit Steuerungsfähigkeit?
Das Muster ist nicht neu
Dass ein Marktführer eine erzwungene Plattformmigration ankündigt und der Umstieg dann stockt, ist kein DATEV-Phänomen. Die SAP-Welt erlebt seit Jahren dasselbe Muster: das Wartungsende des Altsystems erzwingt die Migration, trotzdem fallen Schätzungen zufolge bis 2027 rund 55 Prozent der Kunden aus der Standardwartung, weil der Umstieg nicht im Herstellertempo gelingt.
Interessant ist, welche Antwort sich dort durchgesetzt hat. Der Kern wird bewusst schlank gehalten, Innovation und künstliche Intelligenz werden daneben angedockt statt hinein. Das Kernsystem rückt in den Hintergrund und wird zur Datenbasis, an der Oberfläche agieren schnelle, moderne Vorsysteme mit den Nutzern. Die herstellereigene KI spielt dabei in der Praxis eine erstaunlich kleine Rolle.
Der Markt wartet nicht
Gleichzeitig bewegt sich rund um die Kanzleisoftware mehr, als viele wahrnehmen. Das französische Unicorn Pennylane ist mit einer Bewertung von rund zwei Milliarden Euro und einer eigenen Gesellschaft in München angetreten und adressiert ausdrücklich Steuerkanzleien. Visma kauft sich systematisch in den deutschen Markt ein. Cegid hat sevdesk übernommen. Und mit Lexware beziehungsweise der Haufe Group investiert auch ein deutscher Bestandsanbieter zweigleisig, in die Leistungsprogramme und mit Haufe X360 in eine zentrale Cloud-Plattform mit ERP- und CRM-Funktionen.
Internationales Kapital und etablierte deutsche Anbieter haben den Markt als offen markiert. Diese Landkarte verändert sich in Monaten, nicht in Jahren. Für kleinere Kanzleien ist daraus heute noch keine tragfähige Alternative zur DATEV-Eigenorganisation entstanden. Für größere Einheiten sieht die Rechnung anders aus.
Drei Wege, die andere Kanzleien gehen
Wir beobachten drei Muster.
- Große, einheitlich aufgestellte Häuser führen ihre Eigenorganisation bereits außerhalb von DATEV, typischerweise auf einem Konzern-ERP.
- Kanzleigruppen und Verbünde belassen die Einzelkanzleien auf der DATEV-Eigenorganisation, bauen aber zentral Datenplattformen und Data Lakes über Schnittstellen auf und treiben diese aktiv voran.
- Ein großer Teil der etablierten mittelgroßen und großen Kanzleien bleibt bewusst bei DATEV, teils mit eigenen Kompetenzzentren.
Und es gibt den Fall, der zeigt, wie weit man gehen kann: eine Großkanzlei aus unserer Zusammenarbeit betreibt ein eigenes Entwicklerteam, eigene Infrastruktur und eigene Anwendungen im Vordergrund. Die Plattform dahinter ist dadurch austauschbar geworden.
Entkoppeln statt warten
Aus alledem folgt keine Empfehlung gegen DATEV. Es folgt eine Empfehlung gegen das Warten. Denn der Satz, die DATEV Cloud löse unsere Probleme, heißt übersetzt: wir entwickeln uns jetzt nicht und wandern zu einem unbestimmten Zeitpunkt in eine noch unbestimmte Cloud.
Die Alternative ist eine Entkopplung. Das aktuelle System funktioniert. Auf dieser stabilen Basis lässt sich heute die Steuerungs- und Intelligenzschicht aufbauen, über Schnittstellen sauber getrennt. Geht die DATEV im Hintergrund in die Cloud, werden die Schnittstellen durch moderne API-Lösungen besser, nicht schlechter. Eure Möglichkeiten wachsen dann mit der Migration, statt zu schrumpfen.
Fünf Schritte für eine strukturierte Prüfung
Konkret empfehlen wir Kanzleien ab einer relevanten Größenordnung folgendes Vorgehen:
- Anforderungsprofil der Eigenorganisation definieren: Mandats- und Auftragsstruktur, Leistungsverrechnung, unfertige Leistungen, Controlling, Schnittstellen zur Leistungserstellung.
- Marktsondierung mit drei bis vier Kandidaten, inklusive Proof of Concept gegen die realen DATEV-Schnittstellen statt gegen Prospekte.
- Regelmäßige Synchronisation mit dem DATEV-Cloud-Stand als fester Prozess, nicht als Einzeltermin.
- Klares Mandat: ein kleines, entscheidungsfähiges Gremium führt die Prüfung, die Gesamtheit der Partner entscheidet über das Ergebnis, nicht über jeden Prüfschritt.
- Realistischer Zeithorizont: sechs bis zwölf Monate für die Prüfung, Entscheidungsfähigkeit in Richtung 2027 und 2028.
Eine Anmerkung in eigener Sache
Weil sie zur Ehrlichkeit dazugehört: EO comfort, Kanzleifusionen und Kanzleiorganisation sind unser Kerngeschäft. Auf dem Papier hat kaum jemand eine größere Motivation als wir, dass Kanzleien in der DATEV-Welt bleiben. Wenn wir trotzdem raten, das Migrationsfenster zu nutzen und Alternativen strukturiert zu prüfen, dann weil unsere Markterfahrung derzeit keine andere ehrliche Empfehlung erlaubt.
Fazit
Für die Fachverfahren ist die DATEV Cloud eine Terminfrage. Für die Eigenorganisation großer Kanzleien ist sie eine strategische Weichenstellung, und das Fenster dafür steht jetzt offen, weil die Umstellungskosten ohnehin anfallen. Wer es ungenutzt vorbeiziehen lässt, entscheidet nicht für DATEV, sondern verzichtet nur darauf, überhaupt zu entscheiden.
Ihr wollt wissen, wo eure Kanzlei in dieser Landkarte steht? Sprecht uns an. Der erste Schritt ist keine Systementscheidung, sondern ein Blick auf euer Anforderungsprofil.
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Wir begleiten Kanzleifusionen, EO comfort-Projekte und Kanzleicontrolling seit Jahren. Wenn ihr euer Anforderungsprofil einmal strukturiert auf den Tisch legen wollt, sprecht uns an.
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Jeremy Schwarz
Er begleitet Steuerberatungskanzleien bei Themen rund um DATEV, Kanzleiorganisation und Digitalisierung. Sein Fokus liegt auf klaren Strukturen, pragmatischen Lösungen und einer Umsetzung, die im Alltag funktioniert.
